Trotz Schnee und Kälte hatten sich an einem Freitag im Winter rund 25 Landwirte auf dem Hof von Enno Schumacher in Westerwalsede im Kreis Rotenburg (Wümme) eingefunden, um an einer Fortbildungsveranstaltung zum Thema Unfallverhütung teilzunehmen. Auch die Ministerin für Soziales, Frauen und Familie und Gesundheit, Mechthild Ross- Luttmann informierte sich vor Ort über unsichtbare Gefahren, die auf Hof und Straße lauern.
Sehen mit System
Um das stark eingeschränkte Sichtfeld beim Gerätetransport darzustellen, waren der Ackerschlepper und Gülletankwagen von Schumacher zuvor von der Berufsgenossenschaft Niedersachsen (LBG NB) mit einer Rückfahrkamera ausgestattet worden. Weder im Außenspiegel, noch beim direkten Blick aus dem Schlepper nach hinten, waren Personen, die sich hinter dem Gülletankwagen befanden, zu sehen. Erst beim Blick in die Rückfahrkamera wurden die Menschen erkennbar. „Man kann bequem sechs bis acht Personen hinter dem Anhänger verstecken“, fasst Thomas Christeleit, Geschäftsführer der Maschinenringe Rotenburg Verden, zusammen. Ross-Luttmann nahm selbst in der Führerkabine Platz und zeigte sich erstaunt. „Man sieht nicht, dass man nichts sieht!“ In der Vergangenheit hatte es immer wieder Unfälle mit tödlichem Ausgang gegeben, weil Personen neben und hinter den Fahrzeugen nicht rechtzeitig gesehen wurden. Zuletzt war ein 93-jähriger Altenteiler vom rückwärts geschobenen Gülletankwagen überrollt worden und umgekommen. Der Präventionsbericht der LBG NB weist für das Jahr 2008 rund 18.540 Arbeits- und Wegeunfälle aus, davon 23 mit tödlichem Verlauf. Beim Überrollen waren häufig Kinder und ältere Menschen betroffen.
Meist rüsten Hersteller von landwirtschaftlichem Gerät ihre Produkte nicht mit einer Rückfahrkamera aus. „Jeder japanische Kleinwagen ist mit mehr Sicherheitstechnik ausgestattet, als ein teurer Schlepper“, meint Christeleit. Die Nachrüstung eines solches Systems ist jedoch meist problemlos möglich. Je nach Ausstattung kostet sie etwa 200 bis 700 Euro. Der Einbau dauert fünf bis sieben Stunden und kann wegen der einfachen Technik von den Landwirten selbst vorgenommen werden. Die Geräte werden im Zubehörhandel angeboten. Mitglieder der Maschinenringe erhalten über diese einen Rabatt.
Neben der Gefährdung durch unübersichtliche Geräte stand die Sicherheit beim Einsteigen in eine Güllegrube im Fokus der Veranstaltung. Im Frühjahr 2009 hatte es in Niedersachsen erneut einen schweren Unfall beim Umgang mit Gülle gegeben: Ein Unternehmer und sein Mitarbeiter waren in den Gülleschacht gestiegen, um die Güllepumpe zu reparieren. Eine halbe Stunde später wurden sie tot von einem Elektriker gefunden.
Niemals ohne Schutz
Die LBG NB warnt deshalb dringend davor, ohne Schutzausrüstung zu arbeiten. Die Gülle enthalte Schwefelwasserstoff, das sich auf der Flüssigmistoberfläche ablagere und schon in geringer Konzentration den Geruchsnerv lähme. Mitarbeiter des technischen Aufsichtsdienstes der LBG NB demonstrier ten den sprunghaften Anstieg des Gases durch das Aufrühren der Gülle, was in der Praxis zum Beispiel durch Bewegung mit Gummistiefeln geschieht. Optimal ist die Verwendung eines Atemschutz- und Pressluftgerätes.


